Im Laufe unserer Reiseplanung haben wir unsere Pläne mehrfach vollständig verworfen. Ursprünglich (also ein Dreivierteljahr vor unserer Abreise, als wir das Flugticket gekauft haben,) wollten wir nämlich am meisten Zeit in Bolivien und Chile verbringen. Tja, und dann wurde es in beiden Ländern plötzlich unruhig und ungemütlich, als gewaltreiche Proteste begannen und wir strichen beide komplett aus unserer Planung. Im Laufe unserer Reise beruhigte sich Chile ein wenig, sodass wir dann doch einreisten, aber eigentlich wollten wir trotzdem nie in die Hauptstadt, da diese mit Abstand am stärksten von den Protesten betroffen war. Nachdem uns aber ein paar Leute erzählt hatten, das es eigentlich ganz entspannt im Moment wäre, da alle Studenten, von denen die Unruhen hauptsächlich ausgingen, in Semesterferien waren, beschlossen wir dann doch, die Stadt zu besuchen. Wenn man schon mal da ist. Außerdem war es von dort wesentlich einfacher weiterzureisen. Also buchten wir ein tolles Hostel, dass wir empfohlen bekommen hatten. Für 8,40€ pro Nacht bekamen wir dort nicht nur Frühstück, sondern auch Abendessen serviert. Mega!!
Der Nachteil an tollen Orten wie Pucón ist, dass der Tourismus die Preise in die Höhe treibt. Ein Busticket nach Santiago de Chile kostete um die 50€. Zum Glück hatten wir einen Chilenen im Hostelzimmer, der uns erklärte, dass wir nicht mehr als 20€ zahlen sollten, alles andere wäre zu teuer. Also entschieden wir uns, für ein paar Euro in das wenige Stunden entfernte Temuco zu fahren und von diesem weniger touristischem Ort einen Bus nach Santiago zu nehmen. (Wir reden hier übrigens über den 23. Februar 2020. Nur weil’s schon so lange her ist.)
Ursprünglich hatten wir eh nach Temuco gewollt, da es dort Museen zu den Mapuches gibt, die wir besuchen wollten. Allerdings waren diese online ziemlich schlecht bewertet, sodass wir stattdessen doch nach Pucón reisten. Was absolut die besserer Entscheidung war. Denn Pucón ist toll, wunderschön und definitiv einen Besuch wert. Was wir von Temuco zu sehne bekommen haben, war eher das Gegenteil.
Zum ersten Mal seit Wochen haben wir uns wieder richtig unwohl und unsicher gefühlt. In Temuco sind wir mal wieder an einem privatem Terminal angekommen, mitten im Zentrum. Von dort fuhren keine Busse nach Santiago und auch in den Terminals in Nachbarstraßen fanden wir keine Verbindung. Also mussten wir zu dem ein paar Kilometer entfernten eigentlichen Terminal am Rand der Stadt laufen. Dabei sahen wir die hässliche Seite Südamerikas. Vollgestopfte Märkte, Leute, die uns aufdringlich anquatschten, alles war dreckig und hat gestunken. Also haben wir unsere Sachen gut festgehalten und unsere Schritte beschleunigt. Zum Glück waren wir da Laufen mit den großen Rucksäcken inzwischen gut gewöhnt. (Die vollen Bereiche sind sind übrigens eigentlich die sichereren, da muss man sich vor allem vor Taschendieben in Acht nehmen. Nachdem wir den Trubel hinter uns gelassen hatten, mussten wir auch durch ein paar quasi leere Straßen, was ebenfalls sehr unangenehm war. Dort ist die Gefahr eines bewaffneten Überfalls viel größer, weil man alleine hilfloser ist. Nur als kleine Info am Rande.)
Am Terminal hatten wir Glück und bekamen Tickets für den frühsten Bus (45 Minuten später), die auch noch die günstigsten waren (15.000 Pesos, knapp 15 Euros).
Die Fahrt nach Santiago dauerte etwa acht Stunden, sodass wir abends, aber noch im Hellen ankommen würden. Leider standen wir aber ewig im Stau, sodass wir erst nach Mitternacht ankamen und uns der Busfahrer mitten im Nirgendwo aus dem Bus war. Zwei Chileninnen halfen uns, unseren Transport zum Hostel zu organisieren und irgendwann waren wir endlich da und fielen erschöpft ins Bett. Es war mal wieder ein langer Tag gewesen.
Am nächsten Tag (Montag, der 24. Februar) machten wir deshalb einen ruhigen Tag und nahmen uns gar nichts vor. Endlich waren die Hostels wieder günstig und einen Tag Pause konnten wir beide gut gebrauchen. Mal wieder Zeit, mit Freunden und Familie zu telefonieren, Blog zu schreiben, ne Serie zu gucken und zu lesen.
Abends luden uns ein paar Leute ein, mit ihnen was trinken zu gehen, denn an diesem Abend gab es für Leute aus dem Hostel einen Gratisdrink in einer benachbarten Bar. Der Abend war lustig, auch wenn wir nicht viel mitreden konnten. Wir bekamen irgendwas typisch chilenisches, ein bisschen wir Sekt mit Himbeersirup oder so. Ist schon zu lange her, sorry. Außerdem spielten wir ein paar Klatschspiele, bei denen es um schnelle Reaktion geht. Caro gewann lustigerweise fast immer, obwohl sie die Spiele nicht mal verstanden hatten. 😂😂
Am nächsten Tag nahmen wir mal wieder an einer Free-Walking-Tour teil. Leider war der Guide total unvorbereitet, vergaß dauernd irgendwelche Fakten und fing deshalb von vorne an oder las sich noch schnell den Artikel auf Wikipedia zu der entsprechenden Sehenswürdigkeit durch. Die Gruppe verlief sich schnell und auch wir entschieden uns, früher zu gehen, Ein wenig Mitleid hatten wir allerdings doch, deshalb gaben wir dem Guide immerhin ein wenig Geld, bevor wir verschwanden. Die neu gewonnene Zeit nutzten wir, um auf den Cerro San Lucia zu laufen, einem Hügel mitten in der Stadt. Von dort konnten wir große Teile der Stadt überblicken. So viele Hochhäuser! Und besonders vor den Hügeln im Hintergrund sah man den ganzen Smog der Stadt, ein eher ernüchternder Anblick. Trotzdem war die aussicht schön.

Catedral Metropolitana de Santiago auf dem Plaza de Armas 
schöne Innenstadt 
La Moneda, der Präsidentenpalast 
Ausblick 
Ausblick (auf den Hügel wollten wir später eigentlich noch laufen)
Auf dem Rückweg zum Hostel mussten wir etwa zwanzig Minuten aus der Innenstadt laufen. Auf dem Hinweg waren uns schon die vielen Graffiti aufgefallen, die auf der Strecke an den Häusern und Denkmälern waren. Das ist an sich nicht unüblich in Chile zurzeit, das hatten wir ja auch schon in Punta Arenas erlebt. Anders als auf dem Hinweg waren jetzt, am Nachmittag, allerdings mehr Menschen dort unterwegs. An einer Straßenecke blieben wir stehen, um die mehrspurige Straße (ohne Ampeln, wohlgemerkt, Südamerika ist toll) zu überqueren. Ein Polizeiauto fuhr vorbei und plötzlich hoben die Leute um uns herum Steine vom Boden auf und warfen sie nach dem Auto. Da haben wir erstmal gemacht, dass wir wegkommen. 😅 Im Nachhinein haben wir festgestellt, dass wir tatsächlich über den Plaza Italia gelaufen sind, quasi der Hauptpunkt der Proteste, den wir deshalb eigentlich unbedingt meiden wollten. Und nachmittags heben die meisten Studenten Zeit, deshalb finden dann die Proteste statt. Upsi. Die Erfahrung hatten wir damit dann auch gemacht…

Man beachte den abgetrennten Kopf aus Pappmaschee in der ausgestreckten Hand 

Am nächsten Tag wollten wir auf einen anderen Hügel der Stadt laufen, allerdings verliefen wir uns auf dem Weg gleich zweimal und außerdem war es wirklich unfassbar heiß, sodass wir die Aktion dann doch abrachen. Stattdessen bewunderten wir ein wenig die Streetart in der Nähe des Hügels und tranken ein typisches chilenisches Getränk: Mote con Huesillos. Dieses besteht aus Weizengraupen und getrockneten Pfirsichen, die in Zuckerwasser mit u.a. Zimt aufgekocht werden. In Santiago kann man an jeder Straßenecke etwas davon kaufen, dann eisgekühlt und wirklich erfrischend. Und satt macht’s auch. 😇



Mote con Huesillos
Auf dem Rückweg fanden wir in einem Supermarkt eine Eispackung ganz günstig. Die dreißig Minuten Fußweg bis zum Hostel wurden im Eilschritt zurückgelegt und dann das Eis verputzt. Nach zehn Minuten war alles weg. 😇😂
Am Abend eröffnete das Hostel einen weiteren Teil auf der anderen Straßenseite. Deshalb gab es diesmal dort Abendessen, Nudeln mit Pesto, und ausgiebig chilenischer Wein für alle. Da es auch schon wieder unser letzter Abend im Hostel war, passte das sehr gut!
Am darauf folgenden Tag versuchten wir der drückenden Hitze zu entkommen, in dem wir das Museum de Bellas Artes besuchten. Der Eintritt war kostenlos (juhuu) und die Räume klimatisiert (doppeltes juhuuu). Im Inneren waren verschiedene Kunstwerke chilenischer Künstler ausgestellt.
Besonders spannend fand ich aber auch eine große Tafel in der Eingangshalle. Dort ging es darum, wie das Museum mit den Graffiti an den äußeren Wänden des Gebäudes umgehen sollte. Waren es nur Schmierereien oder doch ein wichtiger Teil der chilenischen Kultur, Politik und Geschichte? Die Besucher waren aufgefordert, ihre Meinung zu hinterlassen und die Tafel war komplett vollgeschrieben. Was denkt ihr dazu? Was sollte das Museum machen?
Ich habe mir viele Meinungen dazu durchgelesen. Ein paar habe ich für euch gesammelt. Aus Speicherplatzgründen tippe ich auch die Zitate ab, statt die Bilder einzufügen. Die Aussagen waren sowohl auf spanisch, als auch auf englisch und deutsch.
- Das Museum sollte die Graffiti behalten. Sie repräsentieren die Stimme der Leute und die politische Bewegung, die gerade in Chile stattfindet. Die Ausdrücke sind historisch. (englisch)
- Man sollte sie gut fotografisch dokumentieren und anschließend die Fassade reinigen. (spanisch)
- Demonstrieren ist jedermanns Recht! Aber Denkmäler zu beschädigen ist respektlos und unvernünftig. (lose, spanisch)
- Kunst ist eine Ausdrucksform… es ist der Ausdruck eines unterdrückten Volkes. Sie sollten diese Spuren dort lassen. (spanisch)
- Das Museum sieht mit dem Graffiti nicht schön aus. Reinigt es bitte!! Das Gebäude sieht schön aus. (deutsch)
- Fotografieren, um sie als Erinnerung an die Gefühle Chiles zu behalten. (spanisch)
- Man sollte einen Saal der Ausstellung zur Dokumentation und Analysierung der Sprüche verwenden. Sie sind sehr kreativ und voller Ideen, man kann nicht löschen, was gelebt hat und gelebt wird. Starkes Chile! (spanisch)
- Ohne Kunst gibt es auch keine Botschaft!!! (spanisch)
Ich hoffe, euch hat diese Zusammenfassung der Sprüche gefallen. Ich habe versucht, sie euch so originalgetreu wir möglich wiederzugeben.
Letztendlich war das Museum wirklich nett, voller schöner Bilder, aber keine Skulptur und kein Gemälde hat mich so beschäftigt, wie diese Fragestellung, weshalb ich am Ende auch meine eigene Meinung hinterlassen haben.
Anschließend holten wir unsere Rucksäcke aus dem Hostel und machten uns auf den Weg zu Trinidad, einer Freundin von mir, deren Familie in Santiago lebt und die uns netterweise zu sich eingeladen hatte. Von unserer Zeit dort erfahrt ihr dann im nächsten Teil!





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