Ushuaia war schon länger eins der Ziele, schließlich hat man nicht alle Tage die Möglichkeit, in der angeblich südlichsten Stadt der Welt zu sein.
Die Stadt liegt ganz im Süden von Argentinien und ist vor allem für die atemberaubende Natur und als Ausgangshafen für Antarktisexpeditionen bekannt. In Argentinien wird behauptet, dass die Stadt die südlichste der Welt sei. Auch wenn das nicht unbedingt stimmen sollte, so liegt die Stadt doch wesentlich weiter südlich als Buenos Aires.
Deshalb wollten wir ursprünglich mehrere Zwischenstops auf dem Weg in den Süden machen.
Nur: die Busse zu diesen Orten waren relativ teuer, ganz zu schweigen von den Unterkünften, und auf der Halbinsel Valdes zum Beispiel war die Hauptattraktion, die Wale, zur Zeit gar nicht in der Gegend und ein Besuch daher weniger spannend.
Und so entschlossen wir uns, den ganzen weiten Weg auf einmal zu bestreiten und komplett bis nach Ushuaia durch zu fahren. Eine sehr nette Verkäuferin im Busbahnhof in Buenos Aires half uns dabei, alles zu planen.
Der erste Bus würde etwas mehr als 25 Stunden fahren und uns bis nach Comodoro Rivadavia, eine Stadt an der Küste im südlichen Argentinien, bringen. Von dort aus würde uns ein zweiter Bus bis nach Rio Gallegos fahren. Diese Stadt liegt ganz im Süden von Argentinien. Feuerland selber, also der berühmte südlichste Teil des Kontinents, auf dem auch Ushuaia liegt, ist von dort nur mit einer Fähre und über Chile zu erreichen.
Die ersten beiden Busse konnten wir direkt im Busbahnhof in Buenos Aires buchen. Und so verließen wir beide am Dienstag, dem 21. Januar 2020, die Wohnung in Martínez, um gegen ein Uhr mittags in unseren Bus zu steigen.

Wir hatten diesmal ein Coche Cama, also einen Bus, in dem es nur Cama, quasi die erste Klasse beim Busfahren in Südamerika, gab. Das war normalerweise immer schon ausgebucht oder wir konnten es uns nicht leisten. Deshalb freuten wir uns sehr darüber, besonders, weil wir so lange unterwegs sein würden. Die Sitze sind viel breiter (nur drei statt vier Sitzen pro Reihe), mit besonders viel Beinfreiheit und auch ansonsten luxuriös. Wir bekamen sogar ein kleines Kissen dazu. 😇 Und Snacks.
So ließ es sich leben.
Die Landschaft um Buenos Aires ist komplett platt, ohne eine einzige sichtbare Erhebung und besteht hauptsächlich aus Grasflächen und kleinen Waldstücken. Und der Sonnenuntergang war wunderschön.
Um kurz vor zehn wurden wir alle aus dem Bus geworfen, da dieser vor der Nacht noch einmal gereinigt werden sollte. (Fanden wir auch überflüssig, aber auch die Busfahrer wechselten, vielleicht hat das was mit deren Protokoll zu tun.) So hatten wir plötzlich über eine Stunde Aufenthalt im Busbahnhof von Bahía Blanca. Erst fanden wir das blöd, dann entdeckten wir das WLAN. Jaja, die Jugend von heute, blabla. Aber wir hatten seit Tagen kein WLAN mehr gehabt und nutzen die Zeit, um Freunde zu kontaktieren und neue Musik und Filme für die Weiterfahrt herunterzuladen. Wir hatten schließlich immer noch einiges an Reisezeit vor uns.

Woher weiß man, wann Schlafenszeit ist, wenn es keinen geregelten Tagesablauf, kein Abendessen oder ähnliches gibt? Nichts tun macht schließlich auch nicht so müde und Netflix und Deezer schlafen auch nicht. Tja, ich habe ab eins etwa versucht zu schlafen. Dank der größeren Sitze war die Nacht auch wesentlich angenehmer als die Fahrt nach Buenos Aires. (Okay, die war auch echt besonders schlimm, da wird sobald hoffentlich nichts mehr ranreichen.) Trotzdem wacht man natürlich ab und an auf und sieht dann zum Beispiel hübsche Sonnenaufgänge.

Beim endgültigen Aufwachen hatte sich die Landschaft schon merklich verändert. Gegen sieben kamen wir in Puerto Madryn an, dem Ort an der Halbinsel Valdes. Der Boden dort war sehr sandig und Dünen, wie ich sie sonst nur aus Dänemark kenne. Die Pflanzen darauf erinnerten mich dagegen an Andalusien. Auch die Gebäude sahen ganz anders aus.
Während der nächsten Stunden wurde die Landschaft immer kärger. Zusätzlich war die Straße inzwischen schnurgerade. Am Vortag waren wir auch schon fast nur geradeaus gefahren, aber am zweiten Tag waren Kurven wirklich Mangelware. Das ging soweit, dass für jeder der Kurven, egal wie leicht sie war, ein extra Warnschild stand, sehr zu meiner Erheiterung. Leider habe ich von diesen Schildern kein gutes Foto bekommen.
Die Landschaft war immer noch platt und der Ausblick änderte sich kaum. Mein Respekt an die Busfahrer, die in dieser Einöde ohne nennenswerte fahrtechnische Herausforderungen stundenlang geradeaus fahren müssen.
Und wer jetzt denkt, dass wenigstens die Ortschaften dazwischen etwas Abwechslung bieten: es gab keine. Wir sind mehrere hundert Kilometer geradeaus gefahren, ohne dass eine Stadt, ein Haus oder nur eine Abzweigung auftauchte.
Einzig die Tiere boten immer mal wieder etwas zu sehen. Neben den gigantischen Weiden für Kühe und Schafe sahen wir auch wieder viele Ñandus und Quanacos, eine Unterart der Lamas und ein typisches Tier für hier. Diese liefen in kleinen Herden oder auch einzeln frei herum und sehen soo knuffig aus! 😍 Mein Highlight dieses Reiseteils war zugleich auch das aufregendste Erlebnis: als eine Quanacoherde vor unserem Bus die Straße überquert hat und unser Busfahrer bremsen und hupen musste, um uns Platz zu schaffen. (Fotos habe ich zu dieser Zeit keine gemacht, aber keine Sorge, ihr kriegt die Quanacos schon noch zu sehen! 😉)
Ihr seht, so viel ist nicht passiert.
Gegend halb drei, nach über 25 Stunden Fahrt, erreichten wir Comodoro Rivadavia. Dort hatten wir einen Aufenthalt bis 18 Uhr. Als erstes putzten wir Zähne. 😅 Leider funktionierte das WLAN hier nicht. Stattdessen blieben wir ganz old school offline und picknickten stattdessen einen Salat vom Bahnhofskiosk auf einer Mauer am Meer.


Meer 😍
Das erste, was mir bei Comodoro Rivadavia einfällt, ist übrigens grau. Denn sowohl die Gebäude als auch die Umgebung (bis auf das Meer natürlich) war grau. Die Landschaft bestand quasi nur noch aus grauem Stein, ohne nennenswerten Bewachs. Trotzdem war die Stimmung in der Stadt angenehm und freundlich.
Nach unserem Picknick füllten wir unseren Nahrungsvorrat in einem nahem Supermarkt auf. Dazu gehören selbstverständlich Brötchen und Kekse und wir gönnten uns auch ein bisschen Obst und sogar einen Joghurtdrink. 😇 Wir hatten schließlich noch eine weite Strecke vor uns.
Unser Bus kam dann doch erst um sieben, aber egal. Hauptsache, er kam überhaupt. Außerdem nutzten wir die Zeit, um zum ersten Mal auf dieser Reise einen Bus online zu buchen. Den dritten dieser Reise, von Rio Gallegos nach Ushuaia, den wir nicht schon in Buenos Aires hatten buchen können.
Im zweiten Bus fuhren wir leider wieder nur Semi Cama, die zweite Klasse. Und Snacks gab es auch keine. 😢
Die Fahrt ging weiter durch die gleiche Landschaft ohne nennenswerte Highlights. Aber der Sonnenuntergang war wieder sehr hübsch.

Diese Nacht habe ich schlechter geschlafen. Das lag aber auch an den Halten mitten in der Nacht, bei dem mich die ein- und aussteigenden Leute anrempelten.
In Rio Gallegos sind wir mit fast anderthalb Stunden Verspätung angekommen, was für uns aber eher praktisch war, da wir so weniger im Busbahnhof warten mussten. Die etwa zweieinhalb Stunden verbrachten wir, diesmal wieder mit gutem WLAN gesegnet, ähnlich wie schon im Bahía Blanca.
Um halb zehn ging es dann weiter. Der letzte Bus dieser Reise, juhuu. Wieder Semi Cama. Mit voraussichtlich knapp elf Stunden übrigens die kürzeste Fahrt.
Am Anfang waren wir ein bisschen angespannt, weil wir keine Ahnung hatten, wie die Fahrt verlaufen würde. Wir wussten, dass wir einen Teil der Strecke in Chile fahren würden, hatten aber noch nie einen Grenzübergang per Reisebus miterlebt. Und eine Fährfahrt würde auch auf uns warten. Hoffentlich mussten wir für die nicht noch extra zahlen!
Gleich zu Beginn bekamen wir alle ein Einreiseformular von Chile überreicht. Die Chilenen sind scheinbar sehr streng mit ihrer Grenze. Was wir nicht im Kopf hatten: das Einführen von jeglichem Gemüse, Obst, und allen tierischen Produkten ist nicht erlaubt. Also verschlangen wir schnell alle Bananen und den Joghurtdrink.
Die Grenze selber verlief unkompliziert. Der Bus hielt an und alle mussten raus und einreisen. Auch unser Gepäck wurde kontrolliert.
An der Fähre mussten wir auch alle aussteigen, aber glücklicherweise nicht noch extra zahlen. Nach einer halben Stunde waren wir auf der Insel Feuerland. Etwas später reisten wir auch schon wieder aus Chile aus und anschließend wieder nach Argentinien ein (die diesmal auch strenger waren, wir mussten auch eine Zieladresse angeben).
Na, wem ist es aufgefallen? Richtig, wir sind nie aus Argentinien ausgereist. Wir wissen bis heute nicht, wieso. Schließlich mussten wir ja auch wieder einreisen… Aber niemand sonst im Bus wirkte deshalb verwundert, also wird schon alles okay sein. Die Busfahrer wissen bestimmt, was sie tun, nur die beiden deutschen Touris hatten halt keine Ahnung…

Diesen Beitrag habe ich tatsächlich schon während der Fahrt verfasst . Deshalb ist zum Beispiel der nächste Teil auch in der Gegenwart geschrieben. Ich ändere das jetzt nicht mehr, sorry.
Die Landschaft auf Feuerland ist wunderschön, wenn auch sehr karg. Endloses Grasland mit Blumenwiesen, so weit das Auge reicht. Auf gigantischen Weiden grasen Kühe und Schafe. Außerdem sehen wir immer wieder Quanacos und Ñandus, die wild zu leben scheinen. Die Landschaft läd zu langen Ausritten ein, zum Schafe hüten zu Pferd oder auch einfach zum in den Horizont gallopieren. Mit der Zeit bilden sich in der flachen Landschaft sanfte Hügel und ich verbringe die Stunden damit, voller Freude aus dem Fenster zu schauen.
Die Hügel nehmen zu und ganz im Süden der Insel tauchen plötzlich kahle, verhutzelte Bäume auf, die komplett mit Flechten vollhängen. Von den angeblichen Bergen fehlt aber immer noch jede Spur.
Erst, als sich der Tag schon dem Ende zuneigt, tauchen am Horizont die ersten Bergspitzen auf und die inzwischen größer gewordenen Bäume nehmen langsam die Überhand und lösen die Grasflächen ab. Während die Sonne langsam unterging, fing es an zu regnen. Der Ausblick war immer noch phänomenal, nur die Fotos sind wegen der nassen Scheiben nicht mehr ganz so schön geworden. Ich teile sie natürlich trotzdem mit euch 😘.
Und dann waren wir in Ushuaia. Angekommen. Kein Bus mehr. Wow. (Etwa 21:30 Uhr)
Von Ushuaia hatten wir vorher gelesen, dass der Ort besonders hässlich sein soll. So waren wir positiv überrascht. Keine Schönheit, aber wirklich nicht wo hässlich, wie wir dachten. Viele bunte Gebäude, einige Betonbauten, manches neu, anderes heruntergekommen. Hat uns an eine Stadt wie Braunlage erinnert, mit einem kleinen skandinavischen und bayrischen Einfluss.

Und dann waren wir endlich im Airbnb. Etwa um zehn Uhr abends, also ziemlich genau 59 Stunden, nachdem wir die Wohnung in Martínez verlassen hatten. Aber weil 60 eine rundere Zahl ist und schöner und wesentlich beeindruckender klingt, werden wir trotzdem immer von unseren 60 Stunden Busfahrt sprechen. Diese kleine extra Stunde haben wir uns aber auch verdient, finde ich. 😋😂😇
























