Weihnachten in Paraguay

Von Ciudad del Este nahmen wir einen Bus in Richtung Villarica, einer Stadt in der Mitte von Paraguay. Aus dem Internet wussten wir schon, dass die Fernbusse in Paraguay nicht mit denen in Brasilien zu vergleichen sind, allerdings hatten wir in diesem Bus besonders viel Pech.

Die Beinfreiheit war sowieso schon sehr gering, doch mit nach hinten geneigter Lehne des Vordermanns passten unsere Beine überhaupt nicht mehr hinter den Sitz.

In Paraguay kann man jeden Bus am Straßenrand anhalten und dazusteigen. Da es der Tag vor Heiligabend war, sind in unserem Bus unglaublich viele Menschen mitgefahren, im Stehen und total gequetscht. Etwa zwei Menschen pro Sitzreihe.

Hier kann man nur erahnen, wie voll es wirklich war… Mindestens doppelt so viele Menschen

Ein älterer Herr setzte sich irgendwann auf meine Armlehne und eine Frau stützte sich auf mein Kopfteil, sodass ich, zusätzlich zu der verkraften Beinhaltung, nur noch schief zur Seite und nach vorne gebeugt sitzen konnte. Nach etwa sechs Stunden waren wir endlich da.

Genauso wie man überall einsteigen kann, kann man auch überall wieder aussteigen. Unser Ziel waren ehemalige Nachbarn von Caro, die vor etwa einem Jahr nach Paraguay ausgewandert sind. Diese wohnten am Rand eines kleines Ortes namens Mbocayaty (gesprochen ‚mbokajati) einige Kilometer von Villarica entfernt. Zum Glück schafften wir es, zum richtigen Zeitpunkt aus dem Bus auszusteigen und wurden kurz danach von unseren neuen Gastgebern abgeholt.

Das Haus war sehr schön und fantastisch gelegen. Schaut euch diesen Blick vom Pool an!

In der Ferne sieht man Kuhweiden

Unsere Gastgeber schienen nett zu sein. Abends aßen wir Pizza zusammen, den nächsten Tag verbrachten Caro und ich hauptsächlich lesend und telefonierend (es war schließlich Heiligabend) draußen. Dazu konnten wir Mangos aus dem Garten essen. Diese sind hier wesentlich kleiner und faseriger, aber wahnsinnig lecker.

Abends sind wir alle zusammen in einen Gottesdienst in einer nahegelegenen deutschen Kolonie gefahren. Der Gottesdienst war auf deutsch, nur das Krippenspiel war auf spanisch. Ein wenig kam dann doch bei mir Weihnachtstimmung auf, durch das ganze Lieder singen. Spannend war aber auch zu sehen, wie alle in Sommerkleidern bei noch dreißig Grad in der Kirche saßen.

Anschließend gab es Abendessen draußen auf der Terrasse.

Caro und ich haben lange überlegt, wie wir diesen Teil der Reise in unserem Blog verarbeiten wollen. Ich werde jetzt versuchen, den Verlauf des Abends ein wenig zu skizzieren, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.

Im Laufe des Gespräches mussten wir schnell feststellen, dass unsere Gastgeber eine völlig andere Meinung zum Klimawandel und Menschen mit anderer Religion oder Herkunft haben. Die Aussagen waren dabei so krass und aus unserer Sicht moralisch verwerflich, als dass wir sie einfach unkommentiert hätten stehen lassen können. Um euch eine kleine Vorstellung zu geben: der Klimawandel an sich gäbe es nicht, wir würden alle von gekauften Wissenschaftlern manipuliert werden, wir seien verwöhnt, da wir weniger Konsum fordern würden, Syrer sollen einfach in eine weniger vom Krieg betroffene Stadt in ihrem Land ziehen, allgemein seien Flüchtlinge nur Schmarotzer und bald würde es in Europa eine „Moslemdiktatur“ geben.

Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, fiel es uns schwer, ruhig zu bleiben. Trotzdem haben wir unser Bestes versucht, diese Aussagen sachlich und mit stichhaltigen Fakten zu widerlegen. Ein sinnloses Unterfangen, denn der Mann fiel uns fast bei jedem Satz lautstark mit irgendwelchen Parolen ins Wort und widersprach sich dabei immer wieder selbst.

Als wäre die Situation zu diesem Zeitpunkt nicht schon schlimm genug gewesen, tauchte plötzlich auch noch eine Hündin am Tisch auf. In Südamerika ist es üblich, an Weihnachten wie bei uns an Silvester zu böllern und das arme Tier hatte panische Angst. Sie warf sich vor uns auf den Boden, zitterte und fiebte. Während Caro und ich versuchten, sie irgendwie zu beruhigen, ließen unsere Gastgeber ihren Rottweiler auf sie los, schrien uns an, dass wir die Hündin mit in Bus nehmen müssten und schleiften sie anschließend ins Auto, um sie weiter entfernt an der Straße wieder auszusetzen.

Mit soviel Kaltherzigkeit bin ich nicht zurecht gekommen. Ich musste die Situation verlassen und habe mich an den etwas entfernt liegenden Pool zurück gezogen. Caro ist mir wenige Minuten später gefolgt und zusammen haben wir erstmal eine Weile da gesessen und irgendwie versucht, das Erlebte zu verarbeiten. Der Weihnachtsabend war sowieso gelaufen.

Am nächsten Tag war die Stimmung entsprechend schlecht. Alle haben die offene Konfrontation vermieden, sich ansonsten haben hauptsächlich angeschwiegen. Es war offensichtlich, dass wir nicht mehr erwünscht waren, nur leider fährt auch in Paraguay am ersten Weihnachtsfeiertag kein Bus und wir kamen nicht weg.

Den Tag haben wir damit verbracht, unserer Familie und Freunden von unserem Abend zu berichten. Es tat auf jeden Fall gut, die ganze Unterstützung zu hören, auch wenn wir allen vermutlich die Weihnachtstimmung verdorben haben. 😅

Außerdem sind wir an dem Tag mit deren Pferd (welches leider auch alles andere als artgerecht gehalten wird) auf dem Grundstück geritten. Das war definitiv das Tageshighlight, den der kleine Kerl ist super lieb und angenehm zu reiten.

Am nächsten Tag ging es endlich weiter. Zum Abschied wurden uns noch einige Vorwürfe gemacht, weswegen wir unsere Gastgeberin am Ende tatsächlich einfach haben stehen lassen und gegangen sind. Mit machen Menschen kann man nicht reden und nichts was wir gesagt haben oder hätten sagen können, hätte irgendetwas an deren Meinung geändert. Blöd gefühlt haben wir uns natürlich trotzdem.

Da wir so schnell weg sind, mussten wir noch über eine Stunde am Straßenrand auf den Bus warten. Dieser hielt auf unser Winken aber zum Glück sofort an und wir bekamen einen Sitzplatz ganz vorne mit extra viel Beinfreiheit. 😇 Nur eine Klimaanlage fehlte, aber durch die offenen Fenster wehte ein warmer Wind.

Blick auf Park beim Warten auf den Bus

1 Kommentar zu „Weihnachten in Paraguay

  1. Avatar von Katharina Seele
    Katharina Seele 9. Januar 2020 — 07:42

    Wie, da hast du es geschafft, diesen ätzenden Abend so knapp wie möglich darzustellen. Überstanden, wir sind stolz auf euch. Und wir haben alle etwas über deutsche Kolonien in Paraguay gelernt.

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