Ihr erinnert euch noch an unsere stressige Anfahrt? Mit jeder Menge Zugverspätung, gescheiterten Kommunikationsversuchen, Verwirrung, Zeitdruck, Stressgummibärchen, …? (Wenn nicht, könnt ihr das ganz einfach hier noch einmal nachlesen!)Den letzten Beitrag habe ich damit beendet, dass wir glücklicherweise doch irgendwie bei unseren neuen Hosts angekommen sind. Bei unseren neuen Hosts bedeutet in der Nähe von dem Ort Kiskunmajsa. Allerdings wirklich nur in der Nähe. In Polen hatten wir ja auch schon ein wenig außerhalb gelebt, aber in Ungarn sind wir wirklich noch etwa zehn Minuten über einem sandigen Feldweg durchs Nirgendwo gefahren, bis wir endlich da waren.
Besagter Feldweg, ein paar Tage später
Da es inzwischen schon stockdunkel war, (unterschätzt auch nicht den großen Effekt, so weit im Osten zu sein! Die Sonne geht dort etwa eine Stunde früher unter als zu Hause!) konnten wir nicht wirklich viel von unserer Umgebung erkennen, aber wir saßen auf einer Holzterasse und es gab leckeres Abendessen.Anschließend fragten wir nach dem Badezimmer, um uns nach der langen Reise (immerhin auch wieder grob zehn Stunden und Stress genug für einen Monat) ein wenig aufzufrischen und dann bettfertig zu machen.(Falls ihr euch fragt, ob denn wenigstens unsere Host englisch konnten: Ja, konnten sie. Allerdings konnten wir noch viel leichter mit ihnen kommunizieren da wir bei einer Schweizer Familie gelandet waren 😉 .)Auf unsere Frage reagierten die Host mit einem leicht verlegenen Grinsen, bevor sie uns erklärten, dass sie leider ein Problem mit den Rohren unter dem Haus hätten. Es gäbe aber eine Handpumpe mit Regenwasser, eine Gartenschlauchdusche und als Toilette könnten wir uns ein schönes Fleckchen im angrenzenden Wald suchen, die Schaufel lehne neben der Terrasse.Uff.Das kam unerwartet.Aber, müde wie wir waren, haben wir uns nicht wirklich mit allen Konsequenzen auseinandergesetzt, sondern haben nur genickt und sind dann schlafen gegangen. 😅Am nächsten Morgen haben wir endlich gesehen, wo wir da eigentlich gelandet waren. Ein schönes, weitläufiges Grundstück mit selbstgebautem Haus aus Lehm und Stroh, Obstbäumen, zwei Schweinen, Feuerstelle und Draußenküche. Allerdings konnten wir nun auch die ganzen großen Spinnen sehen, die überall warteten. Genauer gesagt sind wir beide gleich einmal auf Tuchfühlung gegangen und in Netze samt Spinne reingelaufen. Ich hab per se keine Angst vor Spinnen, aber die waren echt eklig und auf mir brauche ich sie schon recht nicht!Abgesehen von den Spinnen (und den Wespen und Hornissen) war das Grundstück echt ganz schön. Allerdings war alles ein bisschen dreckig und zum Teil improvisiert. Eben selbst gebaut und noch in Arbeit.
Zu unserer Arbeit gehörte zum einen, den Lehmboden im Haus fertig zu bauen (sprich zu matschen 😀 ) und den schon trockenen Teil mit großen Hammern festklopfen. Da das ziemlich anstrengend ist und außerdem unsere gerade erst wieder gesunden Handgelenke beansprucht, einigten wir uns mit den Hosts, davon jeden Tag nur etwa einen Quadratmeter zu machen – immer noch etwa eine Stunde Arbeit. Außerdem sollten wir eine Form für die eigene Seifenproduktion bauen, Pflaumen ernten, eine alte Kiste zum Hochbeet umbauen, beim Essen machen helfen und uns mit dem vierjährigen Sohn Elia beschäftigen. Bei der Arbeit durften wir viel mitbestimmen, wodurch wir viele coole Sachen machen konnten. Allerdings haben die Hosts auch absolut überdimensional viel Arbeit erwartet, nämlich an sechs Tagen die Woche bis zu acht Stunden (normal sind vier bis fünf Stunden an fünf Tagen). Dadurch hatten wir kaum freie Zeit, was zusätzlich zu den umständlichen sanitären Verhältnissen an unseren Nerven gezerrt hat. Außerdem lebten wir in einer kleinen Hütte zusammen mit allen anderen Workawayern – ohne nennenswerte Privatsphäre. (Denise und ich hatten etwas Glück, unsere Betten standen nämlich über einem Kellerraum, mit einer steilen Rampe hoch, sodass wir ein bisschen Raum für uns hatten. Dafür konnte ich aber nicht mehr stehen und Licht gab es auch nicht.) Wer auf Toilette musste, während es geregnet hat, hatte Pech und hatte dann nasse Klamotten. Nachts wurde es ziemlich kalt und eine heiße Dusche zum Aufwärmen gab es ja nicht. Die Gartendusche war zwar in einem abgelegeren Teil des Gartens, mit einem Busch als Sichtschutz, aber auch an diesen Mangel von Privatsphäre mussten wir uns erst gewöhnen. (Außerdem stank das Wasser dort allgemein ziemlich…) Dafür waren die Hosts aber wirklich unglaublich nett und haben uns sehr herzlich aufgenommen.
Falls ihr euch fragt, warum wir zu einer schweizer Familie fahren, wenn wir nach Ungarn wollten und ob wir dann überhaupt was über die ungarische Kultur gelernt haben: Ja, haben wir definitiv! Seht es mal so, die sind vor ein paar Jahren selber neu gewesen und konnten uns von allen Dingen berichten, die ihnen als kultureller Unterschied aufgefallen waren und die für Einheimische vielleicht nicht der Rede wert gewesen wären. So haben wir viel über das besondere Sprachgefühl der Leute und über die Verrücktheiten in der Sprache erfahren. Wusstet ihr, dass Budapest eigentlich Budapescht ausgesprochen wird? Budapest mit s ist genauso, als würde man Barcelona wie Barzelona auszusprechen… Der Ort, in dem wir angekommen sind, wird Kischkunmajscha ausgesprochen und Kiskunfélegyháza mehr wie Kischkunfeledaza.Außerdem haben wir gleichzeitig noch mehr über die Schweiz gelernt und über alternative Lebensweisen. Die Familie war das perfekte Beispiel der Aussteigerfamilie: nach viel Stress und Unzufriedenheit haben sie sich ihr eigenes Haus auf dem Land gebaut und versorgen sich dort zu großen Teilen selbst. Ihre Kinder wachsen in der Natur mit internationalen Volunteers auf und sollen später zu Hause unterrichtet werden. Auch wenn ich in manchen Punkten nicht ihrer Meinung war, war es doch immer spannend, sich mit ihnen zu unterhalten und auszutauschen.Als eine Art Dauervolunteer lebt dort auch noch ein Mexikaner, der gerne mit mir und Denise spanisch geübt und uns auch immer mal wieder aus Mexiko erzählt hat. Zusammen mit den immer wechselnden Volunteers lebt diese Familie also ziemlich international. (Sie haben uns erzählt, einmal fünfzehn Leute gleichzeitig gehostet zu haben. Allerdings wäre das mehr eine einmal und nie wieder Sache gewesen, und jetzt nehmen sie nur noch maximal sechs.)Nach ein paar Tagen haben wir zusammen mit den anderen Workawayern, zwei weiteren Mädchen aus Deutschland, beschlossen, unsere Hütte ein wenig zu upgraden. Sprich: eine Garderobe, ein Schuhregal und einen Tisch zu bauen und alles zu putzen. Daher kann ich jetzt ganz stolz behauten, bei der Entwicklung einer Garderobe mitgeholfen und ein Schuhregal zusammen mit Denise gebaut zu haben! Wir sind wirklich alle ziemlich überrascht (positiv!!) von dem Ergebnis! (Den Tisch haben wir im Prinzip auch gebaut, allerdings hatten wir kein geeignetes Holz für die Tischbeine, sodass wir letztendlich ein Brett an den Betten von Denise und mir befestigt haben. Erfüllt seinen Zweck, uns aber nicht so sehr mit Stolz wie die anderen Sachen.)
Und das Putzen hat auch so viel geholfen. Boah, war das dreckig!Ich glaube, wenn man vorher weiß, auf welche Umstände man sich einlässt und nicht wie wir damit überrumpelt wird, kann das ein ziemlich cooler Ort sein. Trotzdem entschieden wir bald, das wir lieber ein bisschen früher abreisen würden, sodass wir letzendlich nur sechs Tage dort waren.Am Freitagmorgen hieß es also Abschied nehmen. Der kleine Vierjährige hatte uns schon ins Herz geschlossen und hat tapfer gegen ein paar Tränchen angekämpft. Er war schon echt süß und wir haben gerne mit ihm rumgealbert.Anschließend hieß es zurück nach Budapest. Diesmal waren wir aber vorbereitet und eigentlich lief alles ziemlich gut. Wir konnten sogar noch ein Eis am Hauptbahnhof essen, bevor wir weiter mussten.Am Morgen hatten wir noch in Kiskunmajsa eingekauft und waren dort zum ersten Mal wirklich mit der ungarischen Währung konfrontiert. Wenn man es nicht gewöhnt ist, kann es sich erstmal komisch anfühlen, für ein paar Tausend HUF einzukaufen – das sind umgerechnet aber nur wenige Euro 😅. (1000 HUF entsprechen etwa 3,30€.) Beim Eiskauf waren wir dann schon Profis im Umrechnen. 😋Im Hauptbahnhof konnten wir sogar spontan einen Zug reservieren und damit deutlich schneller und bequemer reisen. (Bei Interrail muss man internationale und schnelle Züge meistens reservieren. Man kann auch ohne Reservierung fahren, ist dann aber mit Regionalzügen unterwegs und muss häufiger unsteigen.) So konnten wir ganz bequem in einem Zug etwa fünf Stunden bis Salzburg durchfahren.Und so endet das Abenteuer Ungarn auch schon wieder.Aber es folgen noch einige weitere – zum Glück weniger stressige. 😀 Im Moment fahren wir von Italien nach Frankreich (Spoiler!!), ich hab also noch einiges nachzuarbeiten. Ihr könnt euch also auf noch jede Menge Erzählungen freuen! Ich hoffe, es hat euch bis hierhin gefallen, Danke fürs Lesen!! 😘